Brief - 03


 

Mein Schatz,                                                            

 

Ich will von Dir hören: „alles wird gut mein Herz, alles wird gut.“

Ich werde es Dir glauben, denn alles ist immer wieder gut geworden, bis auf das eine Mal.

Habe ich etwas falsch gemacht?

Hätte ich im Vorfeld mehr auf Dich achten müssen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht was ich tun hätte können um Dir ein Weiterleben zu ermöglichen.

Muss ich nun wieder gegen Windmühlen kämpfen.

Alles laufen lassen?

Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott?

Was ist richtig?

Was ist der richtige Weg für unseren Jüngsten? Er wird achtzehn, das musst Du Dir mal vorstellen. Er bekommt einen Bart, hat eine tiefe Stimme und kommt bald aus der Schule. Weißt Du noch wie alles begann.

Zuerst warst Du sauer, nein stimmt nicht, zuerst hast Du mich ungläubig angeschaut und hofftest, das Du Dich verhört hattest. Deine Frau wollte noch ein Kind. Ihr schlagfertigstes Argument: „es wird das letzte Kind sein. Irgendwo wartet es auf uns.“

Die Verzweiflung die du in meinen Augen gesehen hast, hat Dich nachdenklich gestimmt.

Damals haben wir uns um die geistige Welt noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Uns war nicht klar, dass es eine Absprache zu halten gab. Die Absprache in der anderen Welt, bevor wir nacheinander auf diese Welt kamen, dass wir uns hier wieder treffen zusammen leben und lernen. Und das wir das alles schaffen können, wenn wir nur zusammensein dürfen. Jeder von uns hatte sich viel vorgenommen. Unsere Lehrer in der geistigen Welt haben uns versichert, dass wir es schaffen können, wir müssen nur die göttliche Liebe nicht vergessen und sie nicht verwechseln mit der irdischen Liebe.

Tief in unserer Seele ist all das Wissen über die geistige Welt, aus der wir kommen.

Um zu lernen was wir auf der Erdenschule, uns vorgenommen haben, wurden uns die meisten Erinnerung an unsere geistige Heimat, die unsere wirkliche Heimat ist, genommen.

Jetzt muss meine Frau „ver-rückt“ geworden sein. Deine Gedanken waren Dir ins Gesicht geschrieben. Ich muss ihre Gedanken, Gefühle wieder gerade-rücken.  Deine „Denker- Stirn“ schlug Falten. Aus Deinen Augen schlugen Blitze. Ich schaute Dich nur an, senkte nicht die Augen. gab nicht nach.

Keinen Millimeter!

Dass Dir die Kinnlade nicht herunterfiel war alles. Aber dazu warst Du viel zu beherrscht. Hattest Deine Emotionen viel zu sehr unter Kontrolle. Schließlich verkörpertest Du in unserer Beziehung den Verstand.

Ich die Emotionen.

Du hattest die Hölle hinter Dir und hattest sie überlebt.

Wir hatten schon ein Kind angenommen und unser „Großer“ war zehn. Zehn Jahre alt und aus dem Gröbsten raus. Wir mussten nur noch die Pubertät überleben.

Ich hatte Dich in unserem ersten gemeinsamen Urlaub zu einem Hund überredet. Auch das war ein Kampf: Emotionen gegen Verstand.

Und ?

Zugeben musst Du, dass es Dein Hund wurde, auch wenn wir ihn unserem großen Sohn Tomas schenkten. Ouzo konnte Deine Gedanken lesen und war Dir treu ergeben. Er liebte Dich und Du ihn. Wir liebten uns und diese zwei Jahre Krankenhaus die du gerade hinter dir hattest waren wirklich die Hölle. (Nicht das Krankenhaus selbst, nicht die guten Ärzte und die liebevollen Schwestern.) Zwei Jahre waren rund 730 Tage und rund 730 Nächte.

Vielleicht hatte Dein Unterbewusstsein gewusst, was uns noch bevorstand.

Vielleicht hast Du Dich deshalb so gewehrt, Dich nach dieser schweren langen Prüfung auf so viele neue Gefühle einzulassen. Du hast all unsere Liebe gebraucht um diese zwei Jahre zu überstehen, noch war nicht die Zeit gekommen zu gehen. Noch nicht. Das wussten wir aber immer erst hinterher

Die  Ärzte hatten Dir in den zwei Jahren dreimal das Leben gerettet. Diese Zeit lag nun hinter uns.

Aber durften wir uns wirklich freuen?

Hatten wir eine Zukunft?

Gesund zu Hause, jeden Tag. Woche für Woche?

Kurz bevor wir uns kennen lernten, bevor wir ein Paar wurden, warst Du schon einmal zwei Jahre am Stück in der Klinik. Du verlorst ein Bein, Deine Milz, Du lagst monatelang im Koma und rangst mit dem Tode. Du hattest Deinen Körper verlassen, er war ein Wrack, gelähmt bis zum Hals, nach einem Badeunfall mit achtzehn. Schon bald zwanzig Jahre lebtest Du in diesem gelähmten Körper Du fandest es schön außerhalb Deines Körpers, es war so friedlich, schmerzfrei, Du konntest Dich bewegen und doch kamst du zurück.

Da war noch etwas!

Es wartete in Deinem Leben noch etwas auf Dich.

Und als das alles ausgestanden war durften wir uns kennen und lieben lernen, wir gingen zusammen durch dick und dünn.

Wieder einmal hattest Du überlebt, warst wieder zu Hause. Hast geheiratet und einen fünfjährigen Sohn bekommen. Du glaubtest an das Leben, nun auch an die Liebe.

Hieltest Dich in Deinen schlaflosen Nächten schon ver-rückt genug.

Und nun wollte ich noch ein Kind.

Du wusstest ja wie ich Kinder bekomme.

Ein Anruf beim Jugendamt, ein Gespräch, — warten. Eine Woche, zwei Wochen, dann ein Anruf, Daten, Alter, Geschlecht, Behinderung, Vorname. „Überlegen Sie es sich, ob sie sich das zutrauen, dann machen wir einen Besuchstermin aus.

„Das Kind liegt im H. Kreiskrankenhaus dort ist er geboren mit 790 g, lange Zeit im Brutkasten, jetzt mit neun Monaten wiegt er 3990 g.: Behinderung: Blind.

Trauen sie sich das zu?

Wir hatten einen guten Kontakt zum Jugendamt.

Da ich von Beruf Heilerzieherin war und als solche mit behinderten Kindern gearbeitet hatte, gab es von Seiten des Jugendamtes keine Probleme Olver würde mein fünftes Pflegekind werden,

Dein Zweites.

Nun hatten wir Beide eine, zwei schlaflose Nächte.

Trauen wir uns das zu?

„Wir werden es nie wissen, wenn wir es nicht probieren. Richtig?“ Es war mitten in der Nacht. Wir waren beide zur gleichen Zeit aufgewacht. Hatten die gleichen oder zumindest ähnliche Gedanken.  Du sprachst aus was wir beide dachten:

„Keine Mutter hat ein Kind zur Probe, auch kein Vater. Es ist jetzt schon unser Kind. Lass uns noch zwei Stunden schlafen, heute werden wir anrufen, heute werden wir Eltern.“

Endlich war die Entscheidung gefallen!

Ich liebte Dich in diesem Moment unendlich.

Ich lag in meinem Bett einen Meter von Dir entfernt und hätte Dir keinen Millimeter näher sein können.

Unsere Herzen, unsere Seelen schlugen im Gleichtakt. Nie werde ich vergessen, als wir unseren zweiten Sohn das erste Mal sahen. Ich hatte die gleichen Gefühle wie bei unserem Großen. Thomas war zwei Jahre alt, als wir uns fanden.

Verlassen, ungeliebt, gehandicapt , am Leben gehindert.

Damals war ich alleine.

Damals wurde ich Mutter.

Drei Jahre musste unser Thomas warten bis Du sein Vater wurdest. Auch dies war ein Wunder für mich gewesen. Nicht nur das wir uns in einander verliebten, sondern auch meinen Thomas liebtest Du schon ganz unabhängig, vor unserer Begegnung.

Nun würden wir dieses Wunder zusammen erleben, wir würden wieder Eltern werden. Liebe ist das größte Geschenk auf dieser Erde.

 

Es war ein Wunder. Dieses Winzige etwas, das schon neun Monate jeden Tag darum gekämpft hatte zu leben, es hat unseren Beschützinstinkt ausgelöst, eine unendliche Liebe zu diesem Wesen wuchs in uns überrollte uns wie eine Woge. Nun erlebtest Du dieses Wunder auch. Wir erlebten es alle drei, auch unser Thomas, selbst Strandgut dieser Gesellschaft. Liebe ist ein Geschenk, niemand kann einen anderen zwingen, ihn zu lieben. Wir, Du und ich durften uns lieben, wir dürfen Thomas und Oliver lieben.

Liebe verlangt Mut. Und mit Mut lässt sich alle Furcht überwinden. Es war schwierig und erforderte all unseren Mut, unsere Gaben die wir hatten und viel Geduld dieses Kind groß zu ziehen.

So leicht und einfach wie es bei unserem Thomas war, so schwierig und mühevoll war es bei unserem Oliver.

Seine Blindheit war nie unser Problem, damit kamen wir gut zurecht und er auch.

Hyperaktivität, Selbstaggressionen, Autistische Züge, seine geistigen Einschränkungen, das sich Weigern an „diesem Spiel des Lebens“ mit seinem ganzen Einsatz teil zu nehmen, dieses sich Zurückziehen in die eigene Welt, das war das, was unseren Alltag nun erfüllte und das an den Nerven zehrte. Das gab und gibt ihm bis heute Macht über uns. Uns ließ es manchmal zweifeln, ob wir die richtigen Eltern sind. „Aber wir hatten Freunde, gute Freunde, die sich nicht scheuten mit behinderten Menschen näher in Kontakt zu treten. Die uns seelisch und moralisch beistanden.

Wir haben es gemeistert. Unser Kind ist nun fast erwachsen. Er wird in einem halben Jahr achtzehn und wir können stolz sein, auf das was Olver. aus sich, mit unserer Hilfe, gemacht hat.

Du hast ihn die letzten Jahre, hier auf der Erde nicht mehr erlebt, aber ich bin sicher, dass Du uns begleitet hast.

Nun kommt dieser Winzling der so groß ist wie sein zehn Jahre älterer Bruder und die gleiche Hosengröße tragen kann wie Thomas, bald aus der Schule. Wie geht es weiter?

Hier auf der Erde, hier bei uns, hier in meinem Kopf geht es drunter und drüber.

Ich die die Emotion verkörpert, brauchte ein Gegenüber, die Ver- standesebene.

Lern ich nie etwas?!

Ich brauch Dich.

Meine Freunde nennen mich stark, aber ich weiß nicht wie ich ohne Deine Schulter, ohne Deinen Rat, und überhaupt Alles auf Dauer hinbekomme.

Deine Thebs

 

 

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